Wir haben ein Dritte-Welt-Problem

BRIEFE AN DIE NRZ REDAKTION

26.10.2004 / LOKALAUSGABE NRZ / EMMERICH

Leider wird den Auskiesungsgegnern immer wieder Gleichgültigkeit gegenüber dem Verlust der Arbeitsplätze unterstellt. Fakt ist: Es gab die klare politische Rahmenbedingung, dass nach der Süderweiterung (-2005) in Rees keine Abgrabung mehr genehmigt wird. Die NKSB hat dies zum Schaden ihrer Mitarbeiter missachtet, keine Vorsorge für die Zeit danach getroffen und setzt nun die wegfallenden Arbeitsplätze als Druckmittel für weitere Abgrabungsgenehmigungen ein. So haben wir heute ein "3.-Welt-Problem": Unsere Rohstoffe werden abgebaut, aber keine Arbeitsplätze aus ihrer Verarbeitung bzw. aus Reinvestitionen der Gewinne bleiben in Rees. Mitarbeiter, Stadt und Teile der heimischen Wirtschaft bleiben abhängig von der Freigabe der Bodenschätze.

Die Politik hat daraus offensichtlich nichts gelernt: An die neue Genehmigung wurden keine Auflagen geknüpft, angemessen in Rees zu investieren oder zumindest einen Sozialplan für die Mitarbeiter zu erstellen. In einem Anschreiben an die Stadtverordneten vor der Abstimmung des Einwohnerantrags hatten wir u. a. auf diese Mängel hingewiesen - ohne Resonanz (Text stelle ich gerne zur Verfügung).

Das Kerngeschäft der NKSB ist die Auskiesung. Da die Ressourcen begrenzt sind, die Ausbeutung Bodenveränderungen mit entsprechenden dauerhaften Problemen verursacht und durch den enormen Flächenverbrauch mit anderen, nachhaltigen Nutzungen konkurriert, sind viele von den Folgen betroffen. Die Politik hat die Aufgabe, zwischen diesen Interessen zu vermitteln und einen Ausgleich für die Risiken zu erzielen. In Rees ist dies jedoch nicht erkennbar: 20 Prozent der Fläche sind bereits ausgekiest, das Abgrabungstempo wird nicht verlangsamt, viele Betroffene fühlen sich mit ihren Problemen allein gelassen, nicht einmal genug Ausgleichsflächen für Baumaßnahmen stehen zur Verfügung.

Ferner ist erstaunlich, wie leichtfertig angesichts des Klimawandels über den Verlust der hochwertigen Böden und dauerhaften Arbeitsplätze in der Landwirtschaft und der vor- und nachgelagerten Unternehmen hinweggesehen wird. Zumal unsere Landschaft wesentlich durch sie geprägt wird. Wie naturnah die geballte Ansammlung von Baggerlöchern im Reeser Osten ist, kann sich jeder in dem EDEN-Film ansehen. Bei dem jetzigen Vorgehen sägt die Stadt den (Tourismus-)Ast, auf den sie setzt, eifrig selber ab. Es fehlt ein umfassendes Konzept für eine naturnahe Gestaltung der Auskiesung am Niederrhein, wie dies in den Niederlanden erfolgt. Fazit: Nicht nur die Auskiesung als solche ist ärgerlich, sondern besonders die Art und Weise, wie sie umgesetzt wird.

Elisabeth Tenhonsel, Rees