Nachhaltigkeit

Wende dringend gefordert

Von Christoph Böckmann | 1. Dezember 2016 | Ausgabe 48

Der Abbau und Verbrauch von Rohstoffen kann fatale ökonomische, soziale und ökologische Folgen haben. Das Öko-Institut hat am Donnerstag Handlungsempfehlungen in Berlin vorgetragen.

 

Der wachsende Rohstoffhunger führt zu Konflikten, Korruption, Verletzungen des Arbeitsschutzes sowie zu Klima- und Umweltschäden.

Deutschland verbraucht im Vergleich zu seiner Einwohnerzahl überproportional Rohstoffe. So stehe die BRD als eine der größten Industrienationen in der Verantwortung, ihren Rohstoffbedarf nachhaltig zu gestalten, fordert das Öko-Institut. Seit zwei Jahren forscht es an einer Strategie für die Rohstoffwende. Handlungsempfehlungen stellte das Institut am Donnerstag in Berlin vor. Dabei konzentrieren sich die Forscher auf Erze, Industriemetalle und Baumaterialien. Das Hauptziel der von ihnen entwickelten „Rohstoffwende“ ist dabei, bis 2049 und darüber hinaus, die negativen ökonomischen, ökologischen und sozialen Auswirkungen von Rohstoffgewinnung, -verarbeitung sowie -nutzung zu verringern.

Schon heute sind die Folgen oft tragisch: Drei der zehn weltweit am schlimmsten verschmutzten Orte wurden durch Bergbau und Erzverhüttung kontaminiert. 42 % der Quecksilberemissionen verursacht der Goldbergbau. Und auch die Klimaerwärmung geht auf den Ressourcenverbrauch. Allein die weltweite Produktion von Stahl und Zement verursacht jährlich 5,7 Mrd. t CO2eq. Das ist das Sechsfache dessen, was die gesamte Bundesrepublik in einem Jahr emittiert.

Dass die Negativeffekte allein durch den stetig steigenden Rohstoffhunger der Länder zunehmen werden, betont Matthias Buchert, Head of Resources & Transport Division des Öko-Instituts. Um das zu verhindern, hat er 75 Rohstoffe detailliert untersucht und sie in verschiedene Cluster geordnet, wie Baustoffe, Hauptmassenmetalle oder Industriesalze. Denn so unterschiedlich die Rohstoffe und ihre Anwendungsgebiete sind, so unterschiedlich sind auch die Folgen ihres Abbaus und Verbrauchs: Während bei der Eisen/Stahl-Prozesskette von der Rohstoffextraktion bis zur Stahlherstellung bereits Effizienzpotenziale im vielfach ausgeschöpft sind, ist die Förderung und Aufbereitung von Seltenen Erden wie Neodym noch mit zum Teil extremen und relativ leicht vermeidbaren Umweltauswirkungen verbunden. So gelte, es bei Neodym die Primärgewinnung zu verbessern. Bei Massenmetallen wie Stahl, Kupfer oder Aluminium hingegen gibt es eine andere Baustelle: Die globale Produktion ist massiv gestiegen – bei Stahl z. B. von 625 Mio. t (1973) auf 1,6 Mrd. t (2013). Damit verbunden ist ein hoher Ausstoß an Treibhausgasen, eine starke Flächeninanspruchnahme sowie das Anfallen von Schlämmen, die mit Schwermetallen belastet sind.

Buchert empfiehlt, den jährlichen Primärverbrauch von Stahl in Deutschland bis 2049 um 40 % zu senken. Erreicht werden könnte das durch höhere Recyclingquoten sowie intelligente Mobilitäts- und Verkehrskonzepte. „Auch wenn man Gebäude instand hält, statt sie abzureißen und neu zu bauen, kann man einen sehr großen Teil an Rohstoffen sparen.“ Neben Stahl zählen dazu auch Baurohstoffe wie Kies. Buchert fordert die jährliche Gebäudesanierungsrate im Bedürfnisfeld Arbeiten von 0,8 % heute auf 1 % in 2049 und im Bedürfnisfeld Wohnen von 1 % auf 3 % zu erhöhen. Die Verlängerung der Lebensdauer von Gebäuden vermeide entsprechend deutlich materialintensivere Neubauaktivitäten.

„Mittel- bis langfristig werden wir um eine Primärrohstoffsteuer, beispielsweise für Kies, nicht herumkommen.“, meint Buchert. Viele andere EU-Staaten hätten diese schon, um Recycling vor allem hochwertiges Recycling zu fördern.

Ein hochwertiges Recycling im Sinne eines Closed-loop-Recyclings findet bei heimischen Baurohstoffen erst in Ansätzen statt, kritisiert das Öko-Institut. Im Fall von Beton, der Kies enthält, werde überwiegend ein Downcycling vorgenommen, da der gebrochene Beton z. B. in ungebundene Tragschichten im Straßenbau genutzt werde. Eine Nutzung als Gesteinskörnung zum Ersatz von Kies um Recyclingbeton herzustellen sei zwar technisch ausgereift, finde derzeit jedoch nur in sehr geringem Maße statt.

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