BGS Umwelt

Brandt Gerdes Sitzmann Umweltplanung GmbH

 

 

Abgrabung Reeser Welle in Rees-Esserden

- Gutachterliche Stellungnahme zu hydrogeologi- schen und grundwasserhydraulischen Aussagen der Genehmigungsplanung  - Version 2017  -

Projekt 5562

Februar 2018

 

Tel (0 61 51) 94 56-0 · Fax (0 61 51) 94 56 80

www.bgsumwelt.de · Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! An der Eschollmühle 28  ·  D-64297 Darmstadt

Inhaltsverzeichnis

 

  • Aufgabenstellung

Im April 2016 wurde von BGS UMWELT eine gutachterliche Stellungnahme zur geplanten Ab- grabung Reeser Welle abgefasst, die die „hydrogeologischen und wasserwirtschaftlichen Ge- gebenheiten“, die „geplanten Maßnahmen zum Schutz von Esserden“ und die in der Genehmi- gungsplanung aufgeführten „rechnerischen Nachweise“ detailliert beschreibt und bewertet. Zu- sammenfassend wurde seinerzeit ausgeführt, dass

  • „aus gutachterlicher Sicht die Planung vor dem Hintergrund der vorgelegten Unterlagen und der Gefährdungslage der Ortslage Esserden als nicht genehmigungsfähig eingestuft wird.“

Mit Datum vom 30.07.2017 wurde nunmehr ein „2. Hydrogeologisches Gutachten“ der Borchert Ingenieure vorgelegt, das einige Änderungen gegenüber der Version aus dem Jahr 2015 (10.09.2015) aufweist. Nachfolgend soll die gutachterliche Stellungnahme vom April 2016 eben- falls fortgeschrieben und insbesondere auf die vorgenommenen Änderungen der Planung ein- gegangen werden.

Grundsätzlich geht es vor allem darum, in Bezug auf die Gefährdungslage der Ortslage Esser- den zu einer realistischen Einschätzung zu kommen. Sämtliche Ausführungen aus der gut- achterlichen Stellungnahme vom April 2016 sind auch aktuell noch gültig. Von daher sollte die Stellungnahme vom April 2016 auch wieder in das Verfahren eingeführt werden, um die erfor- derlichen Wiederholungen in dieser Stellungnahme auf ein Mindestmaß zu beschränken. Die nachfolgend dokumentierten Bewertungen können sich somit vor allem auf die vorgenommenen

  • Änderungen der Planung bzw. der Nachweise zu Planung beziehen.
  • Hydrogeologische und wasserwirtschaftliche Gegebenheiten

Die Abgrabungsfläche ist nahezu unverändert, so dass die Ausführungen aus der Stellungnah- me durchgängig Bestand haben. Eine wesentliche Änderung der Planung wurde vorgenommen:

  • Die geplante Fließverbindung vom Rhein zum Südteil der geplanten Abgrabung südlich der K18 ist entfallen.

Nach wie vor bedeutet die Auskiesung, dass die dämpfende Wirkung der vorhandenen Auen- lehmschicht bei Ausuferung des Rheins im Hochwasserfall im Bereich der Auskiesung wegfällt und der Rheinwasserstand direkt mit dem ansonsten gespannten Grundwasserleiter in größerer Nähe zur Ortslage Esserden kommuniziert. Dadurch entsteht die Situation, dass die ohnehin vorhandene Kellervernässungsgefahr deutlich erhöht wird. Mit der nunmehr aufgegebenen Fließverbindung zum Rhein wird jedoch erreicht, dass zwischen Rhein und Abgrabungssee ein trennender Vorlandbereich verbleibt, der dazu führt, dass der Wasserstand im Abgrabungssee dem Rheinwasserstand deutlich gedämpft folgt. Die Beanspruchung der geplanten Dichtschür- ze wird dadurch signifikant verringert: Während die frühere Planung im Bereich des nördlichen Abgrabungssees ein um 2,0 m höheres Potential für das Grundwasser gegenüber dem Ist-

Zustand auswies (siehe Anlage 4/6 aus dem Jahr 2015), ergeben die aktuellen Modellrechnun- gen (ebenfalls Anlage 4/6, aber geändert in 07/2017) nur noch eine Veränderung des Ist- Zustandes um 1,3 m für das Bemessungshochwasser BHQ 2004. Damit wird auch die rechne- rische Aufhöhung des Grundwassers von 20 - 40 cm für den o.g. Lastfall auf 10 cm im Bereich der Ortslage Esserden verringert. Der vorhandene Sommerdeich kann ohne die Fließverbin- dung beibehalten werden. Gegenüber der Planung des Jahres 2015 wurde das Gefährdungs- potential beim Lastfall Hochwasser des Rheins deutlich verringert.

  • Geplante Maßnahmen zum Schutz von Esserden

Entsprechend der Planung aus dem Jahr 2015 wurde zum Schutz der Ortslage Esserden wie- derum eine Dichtschürze vor der deichseitigen Abgrabungsböschung vorgesehen. Hier sind keine Änderungen der Planung ersichtlich. Ebenfalls nur leicht verändert wurde das Konzept, mit Brunnen für die Dauer eines Zwischenzustandes den Grundwasserstandsanstieg in Esser- den zu begrenzen. Der Zwischenzustand tritt ein, wenn im Nordteil mit der Abgrabung begon- nen wird und somit noch keine Dichtschürze vorhanden ist. Allerdings tritt mit der aktualisierten Abbauplanung insofern eine Entlastung ein, als nunmehr der Zwischenzustand nicht mit der vollständigen Abgrabung des Südteils (mit Fließverbindung zum Rhein!) zusammenfällt, son- dern die Abgrabung im Nordteil vorgezogen wird und auf die Fließverbindung vollständig ver- zichtet wird. Aus diesem Grund wird zu Recht mit einer geringeren Pumpmenge der Brunnen gerechnet. Die Anzahl der Brunnen wurde entsprechend den Anlagen 5 bzw. 5.1 von früher 6 Brunnen auf nunmehr 5 Brunnen reduziert. An- und Abschaltpunkte in Abhängigkeit von maß- geblichen Grundwasserständen definierter Grundwassermessstellen sind nicht benannt wor- den.

  • Rechnerische Nachweise

In der Stellungnahme vom April 2016 ist unter Abschnitt 4 ausführlich darauf eingegangen wor- den, dass aufgrund der tatsächlich komplexen Grundwasserströmungsverhältnisse der gewähl- te Berechnungsansatz einer horizontal-ebenen Modellierung der Aufgabenstellung nicht gerecht wird. Leider wurde die Aktualisierung der Planung wiederum nur mit dem horizontal-ebenen Modell durchgeführt. Um u.a. den räumlich-zeitlichen Wechsel gespannter und ungespannter Verhältnisse sachgerecht abbilden zu können, ist die Modellierung in diesem Fall als eine echt 3-dimensionale instationäre Grundwassermodellierung vorzunehmen, die die Geometrie der Geländeoberfläche, der Auenlehmschicht und des quartären Aquifers mit dem Tertiär als Liegendem des Aquifers erfasst (siehe auch gutachterliche Stellungnahme vom April 2016).

Die unzureichende Grundwassermodellierung wäre deutlich geworden, wenn die instationäre Kalibrierung nachvollziehbar dokumentiert worden wäre. Trotz des eindringlichen Hinweises in der Stellungnahme vom April 2016 wurde die instationäre Kalibrierung nicht neu durchgeführt und vor allem nicht dokumentiert, wie es den allgemein anerkannten Regeln entspricht. Hierzu hätten

  • die angesetzte zeitlich veränderliche Grundwasserneubildung in der Fläche in Abhängig- keit von der Landnutzung aufgeführt und
  • gemessene und gerechnete Grundwasserstandsganglinien vollständig über den gesamten Kalibrierzeitraum gegenübergestellt werden müssen. Die räumliche Verteilung der effektiven Porosität als maßgeblicher instationärer Parameter ist nicht dargestellt.

Die Gegenüberstellung der Abweichungen einzelner Stichtage ermöglicht keine Beurteilung der Prognosefähigkeit des eingesetzten Grundwassermodells. Angesichts der erforderlichen Aus- sagekraft der Modellrechnungen in Relation zum Gefährdungspotential einer Vernässung der Ortslage Esserden ist die Dokumentation der Kalibrierung unzureichend. Die erforderliche Transparenz der Planung ist nicht gegeben (siehe auch die Stellungnahme vom April 2016 hierzu). Anhand durchgängig gegenübergestellter gerechneter und gemessener Grundwasser- standsganglinien für den Kalibrierzeitraum sowie anhand von berechneten Ganglinien für den Ist-Zustand und den Plan-Zustand wäre es möglich gewesen, z.B. den Betrieb der Brunnen (Dauer sowie Kriterien für das An- und Abschalten) für den benannten Zwischenzustand nach- vollziehbar abzuleiten.

Auf einen entscheidenden Mangel der Planung wurde schon in der Stellungnahme vom April 2016 hingewiesen. Auf Seite 6 der Stellungnahme ist aufgeführt: „Wie sieht es nun aber für den Lastfall landseitig hoher Grundwasserstände, die deutlich länger andauern können als ein Rheinhochwasser, aus? In diesem Fall führt die Dichtschürze zu einem Rückstau genau in der Ortslage Esserden und zur Gefahr der Kellervernässung, …“

Zu dieser überaus relevanten Fragestellung zur Beurteilung der Verträglichkeit der Abgrabung für Esserden finden sich ein paar Bemerkungen, aber keine belastbaren systematischen rech- nerischen Nachweise in den Unterlagen.

Ergänzend zu den Unterlagen des Jahres 2015 ist nunmehr zumindest auf Seite 20 (Borchert Ingenieure, 2. Hydrogeologischen Gutachten) eine Prinzipskizze aufgeführt, die das Problem der Strömungsbarriere der Dichtschürze qualitativ aufzeigt. Der Text dazu bezieht sich aus- schließlich auf Rheinwasserstände und führt aus: „Bei Rheinniedrigwasser- und -mittelwasser ist gegenüber einem Hochwasserereignis eine stationäre Strömungssituation vorhanden… Prinzipiell kann es im mittleren Bereich zu einem geringfügigen Grundwasseraufstau von ca. 20

- 30 cm unmittelbar vor der Dichtschürze kommen.“ Diese Ausführung macht deutlich, dass das Problem nicht ausreichend erkannt wurde. Es ist keineswegs so, dass „eine stationäre Strö- mungssituation vorhanden“ ist, wenn der Rhein Niedrigwasser oder Mittelwasser führt. Vielmehr ist auch landseitig, auf der Zustromseite des Grundwassers, mit witterungsbedingt stark schwankenden Grundwasserständen zu rechnen, die überhaupt nicht betrachtet wurden. Wie sieht es mit der Aufstauwirkung der Dichtschürze aus, wenn ausgeprägt hohe Grundwasser- stände die nordöstliche Potentialrandbedingung des Grundwassermodells bestimmen und der Rhein Niedrigwasser führt? In diesem Fall stellt sich zusätzlich die Frage, wie der Altarm des Rheins nordwestlich der geplanten Abgrabung grundwasserhydraulisch einzuordnen ist. Die dokumentierten Berechnungsergebnisse des Grundwassermodells deuten darauf hin, dass der Altarm mit Durchlässigkeiten versehen wurde, die seinem Umfeld entsprechen. Das ist ganz

sicher nicht sachgerecht. Es sollte vielmehr davon ausgegangen werden, dass der Altarm über größere Bereiche geringere Durchlässigkeiten aufweist und schon jetzt ein leichtes Strömungs- hindernis darstellt. Im Zusammenspiel mit der Dichtschürze ergibt sich bei der Umströmung der Dichtschürze nordwestlich der Abgrabung ein Hindernis, das zu einem größeren Aufstau führt. Es ist zwingend erforderlich, den Lastfall landseitig hoher Grundwasserstände systematisch in Bezug auf den Aufstau durch die Dichtwand zu untersuchen und die Berechnungsergebnisse des Aufstaus nach Dauer und Fläche vorzulegen. Eine Erhöhung des Vernässungsrisikos der Ortslage Esserden durch die geplante Abgrabung ist weder im Hochwasserfall des Rheins noch bei landseitig hohen Grundwasserständen tolerierbar.

 

  • Zusammenfassung

Die Zusammenfassung der gutachterlichen Stellungnahme vom April 2016 fasst alle substanti- ellen Einwendungen gegen die Planung zusammen, wie sie auch nach der Umplanung noch gelten. Auch wenn die Belastung der Dichtschürze durch die Planungsänderungen deutlich ver- ringert wurde, reichen die ergänzten verbalen Hinweise und der Verweis auf die Abgrabung Grunland/Milchplatz nicht aus, um die Dauerhaftigkeit der Dichtungswirkung nachzuweisen (siehe auch Stellungnahme vom April 2016). Die Aufstauwirkung im Fall niedriger bis mittlerer Rheinwasserstände bei hohen Grundwasserständen im Hinterland stellt die Machbarkeit grund- sätzlich in Frage. Zusammenfassend wird die Planung aus gutachterlicher Sicht nach wie vor als nicht genehmigungsfähig angesehen.

Brandt Gerdes Sitzmann Umweltplanung GmbH

Darmstadt, den 05.02.2018

 
   

 

 

 

 

 

Dr.-Ing. H. Gerdes

 

 

Brandt Gerdes Sitzmann Umweltplanung GmbH

Abgrabung Reeser Welle in Rees-Esserden

- Gutachterliche Stellungnahme zu hydrogeologi- schen und grundwasserhydraulischen Aussagen der Genehmigungsplanung - Version 2016 -

Projekt 5562

April 2016

 

Tel (0 61 51) 94 56-0 · Fax (0 61 51) 94 56 80

www.bgsumwelt.de · Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! An der Eschollmühle 28  ·  D-64297 Darmstadt

Inhaltsverzeichnis

 

1                       Aufgabenstellung

Südwestlich der Ortslage Esserden plant die Hülskens GmbH & Co.KG - Holemans GmbH eine Kiesabgrabung über eine Fläche von 93,6 ha. Die Auskiesung soll nicht verfüllt, sondern als Yachthafen mit dauerhafter Fließverbindung zum Rhein genutzt werden. Als eine der zu beant- wortenden Fragestellungen ergab sich aus dem Scopingtermin des Verfahrens auch die Frage nach der

  • „Auswirkung der Abgrabung auf die Qualmwassersituation in der Ortslage Esserden im Deichhinterland“.

Hierzu enthalten die Planunterlagen ein „Hydrogeologisches Gutachten“ der Borchert Ingenieu- re, mit dem die Auswirkungen u.a. durch Modellrechnungen quantifiziert werden sollen. Zum potentiellen Konflikt des Vorhabens mit der Ortslage Esserden wird in dem Gutachten ausge- führt:

„Bereits im heutigen Zustand - ohne Auskiesung - treten, den erhaltenen Informationen von Ortsansässigen zufolge, bei auflaufendem Hochwasser infolge des Grundwasseranstiegs Ver- nässungen von Kellern an mehreren Gebäuden in der Ortslage Esserden auf.

Für die geplanten Maßnahmen zur Reduzierung des Qualmwasserandrangs während der Ab- grabung ist als Beurteilungskriterium dieser Ist-Zustand maßgebend.“

Unter welcher Maßgabe für das Vorhaben dieser Ist-Zustand herangezogen werden soll, ist nicht direkt ausgeführt, kann jedoch nur so verstanden werden, dass auch seitens der Planung davon ausgegangen wird, dass

·         das Vorhaben die ohnehin vorhandene Vernässungsgefahr für die Ortslage nicht noch verstärken darf.

Inwieweit dieser Aufgabenstellung durch die Planung entsprochen wird, bzw. inwieweit die bis- her durchgeführten Untersuchungen eine sachgerechte Beurteilung des Zusammenhanges überhaupt ermöglichen, soll nachfolgend gutachterlich behandelt werden.

2                       Hydrogeologische und wasserwirtschaftliche Gegebenheiten

Die Ortslage Esserden wird durch einen „Banndeich des Deichverbandes Rees-Löwenberg“, der direkt entlang des südwestlichen Ortsrandes verläuft, vor Rheinhochwasser geschützt. Die geplante Auskiesungsfläche wird von der Kreisstraße K18 gequert. Die Straße soll erhalten bleiben, so dass durch sie die Abgrabung in einen Nordteil und einen Südteil unterteilt wird. Die südliche Grenze des Abbaus zum Rhein hin wird durch den derzeitigen Sommerdeich gebildet. Die K18 soll zukünftig Sommerdeich-Funktionen übernehmen und aufgehöht werden sowie eine 400 m lange Überströmstrecke erhalten. Demnach wird der Südteil der Abgrabung zukünftig häufiger von Rheinhochwasser überflutet, da durch die Fließverbindung zum Rhein eine direkte Anbindung besteht und der derzeitige Sommerdeich durch diese Fließverbindung durchbrochen wird.

Die Auskiesung entfernt im Abgrabungsbereich den Oberboden, die durchgängig anzunehmen- de Flutlehm-/Auelehmschicht und die quartären sandigen und kiesigen Schichten der Niederter- rasse des Rheins bis auf die „schluffigen, z.T. schwach tonigen und mittelsandigen Feinsande“ des Tertiärs im Liegenden, die die Basis des Grundwasserleiters bilden. Während bei mittleren und niedrigen Wasserständen des Rheins die Grundwasserströmung auf den Rhein gerichtet ist, der Rhein also als Vorfluter für das Grundwasser wirkt, kehrt sich das Gefälle bei Hochwas- ser des Rheins um: das landseitig zuströmende Grundwasser wird rückgestaut und tritt be- reichsweise sogar an der Geländeoberfläche aus (Qualmwasser). Grundsätzlich kann von einer sehr guten grundwasserhydraulischen Anbindung des Rheins an den Grundwasserleiter aus- gegangen werden. Die bisherigen Beobachtungen an den vorhandenen Grundwassermessstel- len zeigen die direkte, je nach Entfernung auch gedämpfte Kommunikation an. Im Hochwasser- fall tritt das Rheinwasser aus dem Flussbett aus und überflutet die Aue. Der Grundwasserleiter wird durchgängig gespannt, bereichsweise auch artesisch, da die Wasserspiegellage des Rheins als untere Randbedingung der Grundwasserströmung bis in die Auenlehmschicht hin- reicht und bei Überflutung der Aue sogar über Gelände ansteigt. Die Druckübertragung vom Flussschlauch des Rheins erfolgt aufgrund der gespannten Verhältnisse im Grundwasserleiter sehr schnell, während der Zutritt von Rheinwasser im Auenbereich in den Grundwasserleiter hinein durch die Auenlehmschicht gedämpft wird.

Durch die Auskiesung wird diese dämpfende Wirkung der Auenlehmschicht bei Ausuferung des Rheins entfernt. Bei Überflutung des späteren Sommerdeiches (K18) steigt der Wasserstand auch im Nordteil der Abgrabung bis auf den Hochwasserscheitel an. Ohne Gegenmaßnahme besteht über die Gesamtmächtigkeit des Grundwasserleiters eine gute Anbindung an den Ab- grabungssee, so dass im Bereich der Ortslage Esserden ein deutlich erhöhtes Potential mit artesischen Druckverhältnissen im Grundwasserleiter entsteht und die Kellervernässung massiv verstärkt wird. Während ohne Auskiesung die Druckerhöhung im Grundwasserleiter auch bei Überflutung der Aue vor allem vom Flusschlauch des Rheins (und damit in größerer Entfernung zur Ortslage) ausgeht, ist der Ausgangspunkt der Druckerhöhung bei Hochwasser die Abgra- bung des Nordteils in unmittelbarer Nachbarschaft zur Ortslage Esserden. Das Gefährdungspo- tential wird so massiv erhöht.

3                       Geplante Maßnahmen zum Schutz von Esserden

Seitens der Planung wurde die Gefahr für Esserden erkannt (siehe Abschnitt 5 des Hydrogeo- logischen Gutachtens der Borchert Ingenieure). Als Gegenmaßnahme soll „parallel zum Kie- sabbau eine Dichtschürze vor die deichseitige Abgrabungsböschung aus bindigem Abraumbo- den verkippt“ werden. Diese Dichtschürze soll über eine Länge von mehr als 1,5 km die gesam- te Böschung des Nordteils der Abgrabung in Richtung Norden und Nordosten über die vollstän- dige Abgrabungshöhe und die gesamte Mächtigkeit des Aquifers abdichten. Von dieser Dicht- schürze wird eine „um den Faktor 100 … 1.000 geringere Wasserdurchlässigkeit als die anste- henden sandig-kiesigen Böden der Niederterrasse“ erwartet. Sie soll mit einer Breite „von min- destens ca. 10 m gekippt werden“.

 

 

Richtigerweise wird von der Planung erkannt, dass es einen Zeitraum gibt, „wenn einerseits der Südteil der Abgrabung vollständig ausgekiest ist und die Einströmlinie vom Rheinufer näher an die Ortslage Esserden heranrückt und andererseits die Abgrabung im Nordteil längs des Bann- deiches fortschreitet und die Dichtschürze nachlaufend gekippt wird.“ Um den dann bei Hoch- wasser eintretenden erhöhten Anstieg des Grundwasserspiegels in Esserden zu verhindern, soll eine Brunnengalerie im Hinterland installiert werden, die durch Grundwasserentnahme den Grundwasseranstieg verhindern soll.

4                       Rechnerische Nachweise

Auf Seite 22 des Hydrogeologischen Gutachtens der Borchert Ingenieure ist Folgendes ausge- führt: „Im vorliegenden Fall kann für die Berechnung aufgrund der geringen Komplexität des Untergrundes ein zweidimensionales Modell herangezogen werden.“ Weiter unten findet sich dann folgende Einschränkung: „Mit einem einfachen horizontal-ebenen Modell wäre es aber nicht möglich, den Hochwasserzustand des Untersuchungsgebietes nachzubilden. Im Hoch- wasserfall ergeben sich im Grundwasserleiter Potentiale durch die Anbindung an den  Rhein und zusätzlich Zuflüsse aus dem über der Geländeoberkante (und damit über der den Grund- wasserleiter überdeckenden Flutlehmschicht) auftretenden Wasser.

Für diesen Fall ist die oben gezeigte Gleichung um den vertikalen Zufluss wie folgt zu ergänzen (leaky aquifer):“

Die ausgeprägt 3-dimensionale Strömungskonfiguration bei Überflutung der Rheinaue wird also nur durch eine 2-dimensionale Modellierung mit einem vertikalen Zustrom gemäß leaky-aquifer- Ansatz berücksichtigt.

Tatsächlich ist jedoch die derzeitige Grundwasserströmung höchst komplex, wobei folgende Merkmale entscheidend sind:

  • Bei Mittel- und Niedrigwasserführung des Rheins erfolgt die Grundwasserströmung über große Bereiche mit freier Grundwasseroberfläche.
  • Bei Anstieg der Rheinwasserstände erfolgt die Grundwasserströmung über zunehmende Bereiche gespannt bis vollständig gespannt.
  • Bei Überflutung der Aue findet eine Zuströmung und ein Druckabbau über die Auenlehm- schicht statt.

Der gewählte Berechnungsansatz der horizontal-ebenen Modellierung wird diesen Merkmalen der Strömung nur sehr eingeschränkt gerecht. Es findet sich in den Unterlagen kein Hinweis darauf, wie der räumlich-zeitliche Wechsel gespannter und ungespannter Verhältnisse instatio- när modelliert wird, dieser Wechsel ist aber entscheidend für die Druckübertragung im Aquifer und für die Vernässungsgefahr der Ortslage Esserden. Die Überflutung der Aue und der Druck- abbau im Auenlehm im räumlich-zeitlichen Zusammenspiel mit dem quartären Aquifer lässt sich über den gewählten leaky-aquifer-Ansatz nicht hinreichend abbilden. Das Mittel der Wahl ist sicherlich eine in diesem Fall gebotene echte 3-dimensionale instationäre Grundwasser-

 

 

modellierung, die die Geometrie der Geländeoberfläche, der Auenlehmschicht und des quartä- ren Aquifers mit dem Tertiär als Liegendem des Aquifers erfasst. Die 3-dimensionale Modellie- rung sollte als „anerkannte Regel der Technik“ bei entsprechender Aufgabenstellung angewen- det werden.

Die instationäre Kalibrierung wurde nur sehr unzureichend dokumentiert. Insbesondere sollten die Zeitschritte der Berechnung und die gemessenen und berechneten durchgängigen

  • Grundwasserstandsganglinien

dokumentiert werden. Eine instationäre Kalibrierung anhand der hierzu dokumentierten 3 Stich- tage ist nicht hinreichend aussagekräftig, um die Güte der Kalibrierung beurteilen zu können.

Für den bei Hochwasser des Rheins maßgeblich durch das Druckgefälle vom Rhein in Richtung Hinterlang geprägten Lastfall für die Vernässungsgefahr der Ortslage Esserden wurde die Dichtschürze an der nörlichen Böschung des Nordteils der Abgrabung angeordnet und deren Wirksamkeit für das Hochwasserereignis im Sinne eines Aufstaus des Wasserstandes im Ab- grabungssee berechnet.

Wie sieht es nun aber für den Lastfall landseitig hoher Grundwasserstände, die deutlich länger andauern können, als ein Rheinhochwasser, aus? In diesem Fall führt die Dichtschürze zu ei- nem Rückstau genau in der Ortslage Esserden und zur Gefahr der Kellervernässung, die umso größer ist, als dieser Aufstau lange andauert und nicht nur mit einem vergleichsweise kurzen Hochwasserereignis des Rheins verbunden ist. Es hat eindeutig den Anschein, dass hier mit der Planung der „Teufel mit dem Belzebub“ ausgetrieben werden soll, wodurch die Planung für die Ortslage Esserden jedoch nicht verträglicher wird.

Weiterhin wurde die Dimensionierung der Brunnen zur Begrenzung des Grundwasseranstiegs nicht hinreichend dokumentiert. Hier werden Zweifel angemeldet, ob diese Brunnen mit den angegebenen Fördermengen tatsächlich den zugewiesenen Zweck erfüllen können. Als gravie- render Mangel wird weiterhin angesehen, dass die einzuhaltenden maximalen Grundwasser- stände in der Ortslage nicht benannt und nicht durch

  • Einmessung von Kellersohlen in Esserden

abgeleitet wurden. So bleiben die tatsächlichen Ziele der Planung unbestimmt. Damit ist eine wesentliche Voraussetzung für den späteren Soll-Ist-Vergleich von Planung und Realität zur Überprüfung der Wirksamkeit der Schutzmaßnahmen nicht gegeben.

5                       Zusammenfassung

Die geplante Abgrabung Reeser Welle in Rees-Esserden führt ohne wirksame Schutzmaßnah- men dazu, dass die Grundwasserstände bei Rheinhochwasser in der Ortslage Esserden über das bisherige Maß hinaus ansteigen. Die hierzu vorgenommenen Berechnungen mit einem ho- rizontal-ebenen (2-dimensionalen) instationären Grundwassermodell erfassen wesentliche Merkmale der Strömungsrandbedingungen bei Hochwasser nicht. Erforderlich ist vielmehr eine

echt 3-dimensionale instationäre Modellierung. Die Kalibrierung ist nur unzureichend dokumen- tiert, so dass die Modellgüte nicht nachvollziehbar bewertet und geprüft werden kann.

Als Schutz der Ortslage wurde eine Dichtschürze über die gesamte nord-nordöstliche Böschung des Abgrabungssees vorgesehen und mit dem (unzureichenden) Modell berechnet. Diese Dichtschürze ist aber auch wirksam im „Normalfall“ der Grundwasserströmung aus dem Hinter- land in Richtung Rhein. Bei Ansatz der Dichtungswirkung ist sie eine dauerhafte Barriere, die zu einem Aufstau des Grundwassers in der Ortslage führt, der bei landseitig hohen Grundwasser- ständen am ausgeprägtesten ist. Diese dauerhafte Aufhöhung der Grundwasserstände kann zu wesentlich höherer Vernässungsgefahr führen, als ein vergleichsweise kurzes Hochwasserer- eignis des Rheins. Eine Betrachtung dieses Lastfalles findet sich nicht in den Unterlagen.

Grundsätzlich wird die dauerhafte Wirksamkeit der geplanten Dichtschürze bezweifelt. Hierzu fehlt eine Standsicherheitsbetrachtung der Böschung, die bei Durchströmung von Grundwasser in den Abgrabungssee hinein und bei Wellenschlag durch Wind die Dauerhaftigkeit der Bö- schung in ihren bindigen Bestandteilen nachweist. Weiterhin fehlt in der Planung jeder Hinweis darauf, wie die tatsächliche Wirksamkeit der Dichtschürze und die entscheidende Systemdurch- lässigkeit überwacht werden sollen.

Ohne auf weitere Details der örtlichen Gegebenheiten und Planung einzugehen, sei abschlie- ßend festgestellt, dass aus gutachterlicher Sicht die Planung vor dem Hintergrund der vorgeleg- ten Unterlagen und der Gefährdungslage der Ortslage Esserden als nicht genehmigungsfähig eingestuft wird.

Darmstadt, 18.04.2016

 
   

 

(Dr.-Ing. H. Gerdes)

 

 

Besucherzähler: 20151